Die Amazon Marketing Cloud ist das mächtigste Analyse-Werkzeug, das Amazon Advertisern heute zur Verfügung stellt – und gleichzeitig das am meisten untergenutzte. Wer versteht, was AMC wirklich kann, denkt Mediaplanung, Attribution und Zielgruppenaufbau grundlegend anders.
Die meisten Amazon-Advertiser messen Kampagnenleistung so: Gesponserte Anzeige A hat X Klicks erzeugt, Y Conversions und einen ACoS von Z Prozent. Fertig. Was dabei unsichtbar bleibt: Wie viele dieser Kunden haben vorher eine DSP-Anzeige gesehen? Wie viele Kontaktpunkte brauchte ein typischer Shopper, bevor er kaufte? Welche Kombinationen aus Sponsored Products und Sponsored Brands funktionieren besonders gut zusammen? Und welche Shopper haben auf Anzeigen geklickt, aber auf einem anderen Kanal konvertiert?
Genau hier setzt die Amazon Marketing Cloud an. AMC ist eine datenschutzkonforme, cloudbasierte Analyseplattform, die Signale aus verschiedenen Amazon-Werbeformaten – Sponsored Ads, DSP, Audio Ads, Streaming TV – auf Nutzerebene zusammenführt und auswertbar macht. Nicht mit Aggregatdaten wie im Ads-Dashboard, sondern mit SQL-Abfragen auf pseudonymisierten Ereignisdaten, die Analysen ermöglichen, die in keinem Standard-Report existieren.[1]
Das Ergebnis: ein völlig anderes Bild davon, wie Werbung auf Amazon tatsächlich wirkt.

Was ist die Amazon Marketing Cloud – und was ist sie nicht?
AMC ist eine Clean Room-Lösung. Das bedeutet: Amazon stellt pseudonymisierte Ereignisdaten in einer sicheren, isolierten Umgebung zur Verfügung. Advertiser können diese Daten mit eigenen First-Party-Daten (z. B. CRM-Daten, Kundenlisten) anreichern und dann gemeinsam analysieren – ohne dass Amazon die Roh-Kundendaten des Advertisers sieht und ohne dass der Advertiser auf die Rohdaten von Amazon zugreift. Alles, was aus dem Clean Room herauskommt, ist aggregiert und erfüllt Datenschutz-Mindestanforderungen (standardmäßig mindestens 100 Nutzer pro Ausgabe-Zeile).[1]
AMC ist kein echtzeit-Reporting-Tool. Abfragen werden asynchron ausgeführt und liefern Ergebnisse typischerweise innerhalb von Minuten bis Stunden, je nach Komplexität. Es ist auch kein Ersatz für das Ads-Dashboard – es ergänzt es um Analysetiefe, die im Standard-Interface nicht existiert.

Zugang und Voraussetzungen
AMC ist nicht für jeden Amazon-Seller ohne Weiteres verfügbar. Der Zugang setzt voraus:[1]
Amazon DSP-Konto
AMC ist primär an Amazon DSP gekoppelt. Ein aktives DSP-Konto ist in der Regel Voraussetzung – entweder als Managed-Service-Kunden über Amazon oder über eine zertifizierte Amazon Ads-Agentur. Sponsored-Ads-only-Advertiser können AMC ebenfalls nutzen, benötigen aber zumindest ein verknüpftes DSP-Konto für die Datenintegration.
AMC-Instanz erstellen
Jeder Advertiser erhält eine eigene, isolierte AMC-Instanz. Daten werden automatisch befüllt, sobald Kampagnen laufen. Die Instanz wird über den AMC-Einladungsprozess eingerichtet – entweder direkt durch Amazon Ads oder durch eine autorisierte Agentur.
SQL-Zugang über UI oder API
Abfragen können über die AMC-Weboberfläche (User Interface) oder programmatisch über die AMC API ausgeführt werden. Für einfache Analysen reicht die UI; für skalierte oder automatisierte Berichte empfiehlt sich die API-Integration.[2]
Ergebnisse exportieren und aktivieren
Query-Ergebnisse werden in Amazon S3 exportiert oder direkt für die Audience-Aktivierung in DSP genutzt. Aggregierte Reports können in BI-Tools wie Tableau, Looker oder Power BI eingespielt werden.
Agentur-Zugang: Viele Brands nutzen AMC über ihre Agentur. Wichtig zu wissen: Die AMC-Instanz gehört dem Advertiser, nicht der Agentur – beim Agenturwechsel bleiben die historischen Daten erhalten. Sicherstellen, dass dies vertraglich klar geregelt ist.
Welche Daten stehen in AMC zur Verfügung?
AMC stellt standardmäßig mehrere vordefinierte Tabellen bereit, die abgefragt werden können. Die wichtigsten:[2]
| Tabelle | Inhalt | Typische Nutzung |
|---|---|---|
| dsp_impressions | Jede DSP-Impression mit Timestamp, Kampagne, Creativetyp, User-ID (pseudonymisiert) | Reichweite, Frequenzanalyse, Pfadanalyse |
| dsp_clicks | Klicks auf DSP-Anzeigen mit Kontext und Zeitstempel | Click-through-Analyse, Attribution |
| sponsored_ads_traffic | Impressionen und Klicks aus Sponsored Products, Brands, Display | Cross-Format-Analyse, Touchpoint-Sequenzen |
| purchases | Kaufereignisse mit Produkt, Kategorie, Bestellwert – pseudonymisiert auf User-Ebene | Conversion-Attribution, NTB-Analyse, Halo-Effekte |
| product_views | Produktdetailseiten-Aufrufe ohne Kauf | Consideration-Analyse, Upper-Funnel-Wirkung |
| streaming_tv_impressions | Prime Video Ad-Impressionen (Streaming TV) | TV-Attribution, Cross-Device-Analyse |
Privacy by Design: Alle User-IDs in AMC sind pseudonymisiert und nicht rückverführbar auf echte Personen. Amazon erzwingt einen Mindest-Schwellenwert von 100 Nutzern pro Ausgabezeile – Abfragen, die kleinere Gruppen isolieren würden, werden automatisch unterdrückt oder aggregiert. Das macht AMC DSGVO-konform, schränkt aber bestimmte Mikrosegment-Analysen ein.
Die wichtigsten AMC-Anwendungsfälle
Der Wert von AMC zeigt sich nicht in der Technik, sondern in den konkreten Geschäftsfragen, die damit beantwortet werden können und die mit Standard-Reports schlicht unmöglich sind.
Customer Journey & Touchpoint-Sequenz
Wie viele Kontaktpunkte braucht ein typischer Shopper in dieser Kategorie, bevor er kauft? In welcher Reihenfolge begegnet er welchen Formaten? AMC macht den gesamten Pfad von der ersten Impression bis zur Conversion sichtbar – über alle genutzten Werbeformate hinweg.
Last-Click-Attribution (der Standard in Amazon Ads) gibt dem letzten Klick 100 % des Kaufkredits. AMC erlaubt benutzerdefinierte Attributionsmodelle: Linear, Time Decay, First Touch, oder vollständig individuell – um zu verstehen, welcher Kanal wirklich konvertiert.
Wie oft muss ein Shopper eine Anzeige gesehen haben, damit die Conversion-Wahrscheinlichkeit maximal ist? AMC beantwortet das mit echten Daten statt Faustregeln – und zeigt ab welcher Frequenz Werbung unwirksam oder sogar kontraproduktiv wird.
Welcher Anteil der DSP-Zielgruppe hat bereits Sponsored-Products-Anzeigen gesehen? Wo gibt es unnötige Mehrfachkontakte an dieselben Nutzer, die Budget verbrennen? AMC macht Überschneidungen sichtbar und ermöglicht Frequency Capping über Formate hinweg.
Welche Kombination aus Werbeformaten gewinnt am effektivsten Neukunden? Sponsored Brands allein, oder DSP-Retargeting nach einem ersten SB-Kontakt? AMC zeigt NTB-Raten nicht nur per Format, sondern für spezifische Touchpoint-Sequenzen.
AMC-Abfragen können direkt Audiences erzeugen, die in DSP-Kampagnen genutzt werden können – z. B. „Nutzer, die SB-Video gesehen haben und dann kein Produkt gekauft haben“, oder „Shopper, die 2x auf SP-Anzeigen geklickt haben ohne Kauf“. Diese Präzision ist in keinem anderen Kanal möglich.
AMC in der Praxis: SQL-Abfragebeispiele
AMC-Abfragen sind Standard-SQL – wer SQL kennt, kann sofort loslegen. Amazon stellt zusätzlich eine Bibliothek vordefinierter Abfragevorlagen bereit, die gängige Anwendungsfälle ohne eigene SQL-Entwicklung abdecken. Hier zwei illustrative Beispiele, die die Logik von AMC-Analysen zeigen:[2]
Beispiel 1: Touchpoint-Häufigkeit vor der ersten Conversion

Beispiel 2: Halo-Effekt – Käufe im gesamten Katalog nach Anzeigenkontakt

Das zweite Beispiel illustriert eine der wertvollsten AMC-Analysen: den Halo-Effekt. Werbung für ein Produkt zieht oft Käufe anderer Produkte derselben Marke nach sich – ein Effekt, der in Standard-Reports vollständig unsichtbar ist, weil Attribution dort immer nur auf das beworbene Produkt zeigt. Mit AMC lässt sich erstmals der gesamte Katalog-Umsatz messen, der durch eine einzelne Kampagne ausgelöst wird.
AMC Audiences: Analyse zur Aktivierung
Eine der kraftvollsten Funktionen von AMC ist die Möglichkeit, aus Query-Ergebnissen direkt neue AMC Audiences zu generieren und diese in Amazon DSP-Kampagnen zu aktivieren. Das schliesst den Kreislauf zwischen Analyse und Mediaplanung.[3]
Klassische Beispiele für AMC-Audiences, die in DSP aktiviert werden:

AMC vs. Standard-Reporting: Was der Unterschied wirklich bedeutet
Um den Wert von AMC greifbar zu machen, hier die direkte Gegenüberstellung der wichtigsten Analysefragen in Standard-Amazon-Reports vs. AMC:
| Frage | Standard-Dashboard | AMC |
|---|---|---|
| Welchen ROAS hat Kampagne X? | ✓ Ja – Last-Click | ✓ Ja – mehrere Attributionsmodelle |
| Wie viele Touchpoints vor dem Kauf? | ✗ Nein | ✓ Ja – über alle Formate hinweg |
| Wie viel tragen DSP+SP gemeinsam bei? | ✗ Nein – Silos | ✓ Ja – Cross-Format Attribution |
| Halo-Effekte auf den Gesamtkatalog | ✗ Nein | ✓ Ja – vollständig sichtbar |
| Optimale Frequenz pro Zielgruppe | ◑ Teilw. – nur per Format | ✓ Ja – formatübergreifend |
| New-to-Brand Analyse | ◑ Teilw. – nur Sponsored Brands | ✓ Ja – alle Formate, alle Touchpoints |
| Eigene CRM-Daten einbringen | ✗ Nein | ✓ Ja – via Clean Room |
| Custom Audiences für DSP generieren | ✗ Nein | ✓ Ja – direkte Aktivierung |
| Streaming TV Attribution | ✗ Nein | ✓ Ja – inkl. Post-View Conversions |
AMC verändert nicht die Kampagnenstruktur – es verändert die Sichtweise auf das, was Werbung wirklich tut. Wer ausschließlich mit Last-Click-Attribution arbeitet, optimiert auf das letzte sichtbare Signal. Das führt systematisch zu einer Überinvestition in Lower-Funnel-Formate (Sponsored Products) und einer Unterinvestition in Upper-Funnel-Formate (DSP, Streaming TV, Sponsored Brands), weil deren Beitrag unsichtbar bleibt.
In der Praxis sehen wir mit AMC-Analysen bei Kunden regelmäßig, dass 40–60 % aller Conversions mindestens zwei verschiedene Werbeformate als Touchpoint hatten – ein Befund, der mit Standard-Attribution vollständig verschwindet und zu falschen Budgetentscheidungen führt.
Grenzen und Einschränkungen von AMC
AMC ist mächtig – aber nicht allmächtig. Wer die Einschränkungen kennt, kann besser einschätzen, wo die Plattform endet und ergänzende Analyse-Ansätze benötigt werden.
| Einschränkung | Was das bedeutet |
|---|---|
| Nur Amazon-Werbedaten | AMC sieht nur Touchpoints innerhalb des Amazon-Ökosystems. Google Ads, Meta, TikTok oder eigene Website-Besuche sind nicht integrierbar (außer über eigene First-Party-Dateneinspeisung via Clean Room). |
| Min. 100 Nutzer pro Ausgabezeile | Segmente unter 100 Nutzern werden nicht ausgegeben. Nischenprodukte mit wenig Traffic können dadurch bestimmte Analysen nicht durchführen. |
| 13-Monats-Lookback-Limit | Historische Daten älter als 13 Monate sind nicht verfügbar. Langfristige Kohortenanalysen über mehrere Jahre sind damit nicht möglich. |
| SQL-Kenntnisse erforderlich | Vordefinierte Vorlagen decken die gängigsten Anwendungsfälle ab, aber komplexe Custom-Analysen setzen SQL-Kenntnisse voraus – oder eine Agentur, die diese mitbringt. |
| Kein Echtzeit-Reporting | Abfragen laufen asynchron mit typischer Laufzeit von Minuten bis Stunden. Für operative Tagesreports ist AMC nicht geeignet – das ist die Domäne der Standard-Dashboards. |
| DSP-Konto als Voraussetzung | Pure Sponsored-Ads-Seller ohne DSP-Aktivität haben deutlich weniger Daten in AMC – die Cross-Format-Analyse ist der größte AMC-Mehrwert und setzt DSP voraus. |